Oberpfalz - Jugend

Gedenken zum 20. Todestag von Klaus Peter Beer in Amberg

Gedenken zum 20. Todestag von Klaus Peter Beer in Amberg

Blumen am Vilssteg pr Vilssteg  – Hier wurde Klaus Peter Beer vor 20 Jahren in die Vils geworfen.

Vor nun 20 Jahren, am 7. September 1995, wurde Klaus Peter Beer von zwei einschlägig bekannten Neonazis in Amberg ermordet. Weil er schwul war, schlugen die beiden Skinheads Richard L. und Dieter M. Beer nach einem Kneipenbesuch nieder, traten mit ihren Springerstiefeln auf ihn ein und warfen ihn anschließend in die Vils, wo er ertrank.  Der sogenannte „Vilsmord“ machte bundesweit Schlagzeilen, ein sichtbares Gedenken fehlte in Amberg bisher. Dies soll sich nun ändern.

Zum 20. Todestag führte die ver.di Jugend Oberpfalz eine gemeinsame Gedenkveranstaltung zusammen mit IG Metall Jugend Amberg und den Jusos Amberg-Sulzbach durch.

Kundgebung pr Kundgebung am Marktplatz

In diesem Rahmen übergaben die Jusos an Bürgermeisterin Brigitte Netta (SPD) eine neue Gedenktafel. Bereits 2010 hatte ver.di eine Gedenktafel gestiftet, die im Rahmen einer Demonstration an der Vilsbrücke angebracht wurde. Wenige Tage später war diese jedoch bereits wieder entfernt, stattdessen fanden sich Aufkleber des nun verbotenen „Freien  Netz Süd“ dort.  An der der Veranstaltung nahmen ca. 100 Antifaschistinnen und Antifaschisten teil.

Übergabe der Gedenkplakette pr Übergabe der Gedenkplakette von den Jusos an Bürgermeisterin Netta
Rede pr Redebeitrag Jusos zur Übergabe der Gedenkplakette

Hier die Rede von Stefan Dietl, stellvertretender Bezirksvorsitzender ver.di Oberpfalz, anlässlich des 20. Todestages:

" Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

ich freue mich, dass ihr alle heute den Weg hierher gefunden habt, um gemeinsam mit uns an Klaus Peter Beer zu erinnern, der alleine deswegen zum Opfer wurde, weil seine Homosexualität nicht in das faschistische Weltbild seiner Mörder passte. Mein besonderer Dank gilt den Jusos, die die heutige Kundgebung hier auf dem Amberger Marktplatz organisiert haben und er gilt Bürgermeisterin Brigitte Netta, mit der heute zum ersten Mal eine Vertreter_in der Stadt Amberg am Gedenken an Klaus Peter Beer teilnimmt. Ich wurde gebeten, heute einige Sätze zur schwierigen Geschichte des Erinnerns und Gedenkens an Klaus Peter Beer zu verlieren, möchte jedoch zuvor nicht unerwähnt lassen, in welcher gesellschaftlichen Atmosphäre dieser feige Angriff damals stattfand.

Stefan Dietl pr stv. Bezirksvorsitzender Stefan Dietl

 

 

In der Nacht zum 07. September 1995, vor nun mehr 20 Jahren, wurde Klaus Peter Beer von den zwei Amberger Neonazis Dieter Müller und Richard Lorenz zusammengeschlagen und anschließend in der Vils ertränkt. Der gebürtige Amberger Klaus Peter Beer, der bereits einige Zeit in Frankfurt lebte, besuchte in dieser Zeit seine Familie und traf in einer Amberger Kneipe auf seine beiden späteren Mörder; dort beschlossen sie, wie sie später sagten „es dem Schwulen zu zeigen“. Sie wurden gefasst und in einem Gerichtsverfahren zu acht und zwölf Jahren Haft verurteilt.

Das juristische Verfahren fand in einer angespannten Atmosphäre statt.

Mehrere Zeugen wollten aufgrund von Drohungen aus der rechten Szene nur unter Ausschluss der Angeklagten aussagen. Einem Reporter von Radio Ramasuri wurde von Neonazis aus den Zuschauerreihen gedroht, dass er als nächstes dran wäre. Der Vorsitzende Richter der Revisionsverhandlung sprach von einem Klima der Angst und des Terrors, unter dem der Prozess stattfand. Trotz der Heimtücke und den niederen Beweggründen ihrer Tat wurden Müller und Lorenz nicht wegen Mordes, sondern ausschließlich wegen Totschlags verurteilt. In der Revisionsverhandlung kritisierte der Vorsitzende Richter diesen Umstand und fand die klaren Worte, die das erste Verfahren vermissen ließ. Er sagte: „Die Angeklagten maßten sich an, einen Menschen hinzurichten, alleine weil er sexuell nicht so empfand wie sie“. Aufgrund des „Verschlechterungsverbots“ für die Angeklagten konnte er jedoch keine höhere Strafe verhängen. An den Tatsachen ändert dies wenig: Der Tod von Klaus Peter Beer war ein feiger, neonazistischer Mord.

Er fand in einer Zeit statt, in der rechter Terror in ganz Deutschland um sich griff. Die Pogrome von Rostock/Lichtenhagen, Hoyerswerda und Mölln sind noch vielen im Gedächtnis. Es war eine Zeit in der - wie auch in diesen Tagen - Flüchtlingsunterkünfte brannten und in der die späteren Mitglieder des NSU begannen, sich in der neonazistischen Kameradschaft Thüringer Heimatschutz zu organisieren. Der rechte Terror war - und ist - nicht nur im Osten der Republik zu Hause, sondern auch hier in der Oberpfalz, hier in Amberg. Der erste tödliche Brandanschlag von Neonazis fand nicht im Osten statt, sondern bereits 1988 in Schwandorf, bei dem der FAP-Anhänger Josef Saller vier Menschen tötete. Auch in Amberg griff der rechte Terror um sich. 1995, im Jahr in dem auch Klaus Peter Beer ermordet wurde, gab es mehrere Übergriffe. So prügelten im April ´95 vier Neonazis zwei Flüchtlinge krankenhausreif. Immer wieder kam es auch zu Machtdemonstrationen der Neonazis, so zogen im Oktober 1995 Neonazis mit „Sieg Heil“-Rufen durch die Amberger Innenstadt, sangen SS-Hymnen und gaben mit Pistolen Schüsse in die Luft ab. Der Mord an Klaus Peter Beer, war also kein singuläres Ereignis, keine Zufallstat, in einer ansonsten friedlichen und von Rassismus und Neonazismus freien Stadt. Der Umgang mit dem grausamen Tod von Klaus Peter Beer, über den unter der Bezeichnung „Vilsmord“ bundesweit berichtet wurde, fiel der Stadt Amberg und der Stadtgesellschaft schwer.

Rede ver.di pr Rede ver.di

Richtigerweise müsste man sagen ein Umgang fand lange Zeit nicht statt. Jahrelang wurde über den Tod Klaus Peter Beers der Mantel des Schweigens gehüllt. Ein Gedenken – ein Erinnern – gab es nicht. Erst acht Jahre nach dem Mord wurde die Tat dem Vergessen entrissen.

Es waren junge Amberger Antifaschistinnen und Antifaschisten, einige von ihnen sind auch heute hier, die 2003 unter dem Motto „Nicht wegsehen, nicht vergessen! - Demonstration zum Gedenken an Klaus Peter Beer“ auf die Straße gingen, um hier, vor dem Amberger Rathaus, die politischen Vertreterinnen und Vertreter der Stadt aufzufordern, eine würdevolles Gedenken an Klaus Peter Beer zu schaffen. Sie forderten jedoch nicht nur ein Ende des Schweigens und die Anbringung einer Gedenktafel für Klaus Peter Beer am Vilssteg, sondern auch eine Ende des Ignorierens von rechten Gewalttaten und dem Erstarken der rechten Szene in Amberg durch Behörden und Polizei.

Zu Anfang der 2000er Jahre kam es nämlich, wie überall in der Bundesrepublik, auch in Amberg immer häufiger zu Übergriffen von Neonazis auf Andersdenkende und auf Menschen, die nicht in ihr rassistisches und antisemitisches Weltbild passten. So misshandelten drei Neonazis einen Werbeausträger mit einem glühenden Bügeleisen; andere bedrohten eine Gruppe Sinti und Roma mit Baseballschlägern; ein junger Gewerkschafter wurde am helllichten Tag, hier auf dem Marktplatz angegriffen und zusammengeschlagen; ein Juso wurde in der Nähe eines rechten Szenetreffpunktes von Neonazis verfolgt und angegriffen. Immer häufiger fanden solche und ähnliche Übergriffe in Amberg statt. Neben diesen Gewalttaten kam es auch zu Farbattacken auf die Amberg Synagoge und zahlreichen neonazistischen Graffiti.

Zu dieser Zeit wurde der Raum Amberg auch zu einem der wichtigsten Zentren der süddeutschen Rechtsrockszene. Zahlreiche Konzerte mit nationalen und internationalen Größen der rechten Musikszene fanden in der Region statt. Bis zu seinem Verbot hatte unter anderem das neonazistische Netzwerk Blood & Honour seinen bayerischen Sitz in Amberg und in Amberg wurde unter anderem ihr Rechtsrockfanzine United White & Proud herausgegeben. Wie wir heute wissen, war Blood & Honour auch die organisatorische Heimat der späteren NSU- Mörder Uwe Böhnhard, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe und zahlreiche ihrer Unterstützer, die sie mit Waffen, Sprengstoff und Unterkünften versorgten, kam aus den Blood & Honour Strukturen. So auch Mandy Struck, die Beate Zschäpe ihre Ausweisdokumente überließ und dem NSU zu Beginn ihres Abtauchens einen sicheren Unterschlupf besorgte. Struck engagierte sich nicht nur bei Blood & Honour, sondern auch in der HNG, der „Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene und ihren Angehörigen“, die 2011 verboten wurde. Ziel der HNG war es, im Gefängnis sitzende Neonazis juristisch und moralisch zu unterstützen. Sie vermittelten Anwälte, versorgten sie mit Propagandamaterialien und sorgten dafür, dass der Kontakt zur rechten Szene erhalten bleib, damit die Inhaftierten nicht ausstiegen.

Zu diesem Zweck vermittelten sie u.a. „Brieffreundschaften“ zwischen Neonazis in Freiheit und in Haft. Auch Richard Lorenz, einer der Mörder Klaus Peter Beers stand auf der Gefangenenliste der HNG. Er erhielt Propagandamaterial und Unterstützung. Eine seiner Brieffreundschaften war die spätere NSU-Unterstützerin Mandy Struck.

Trotz der sich häufenden rechten Gewalt zu Beginn der 00er Jahre und trotz der regen Aktivität der Amberger Rechtsrockszene behaupteten Polizei und Behörden, in Amberg gebe es keine rechte Szene. 2002 hieß in einer Pressemitteilung der Stadt Amberg: „Keine rechtsextremen Aktivitäten, aber immer mehr Ärger durch russischstämmige Aussiedler.“ Auf diesen Nenner lassen sich die Aussagen des Polizeidirektor und des Leiters der Polizeiinspektion Amberg bringen.

Blumen pr Gedenken zum 20. Todestag

Als junge Antifaschistinnen und Antifaschisten 2003 das erste Mal auf die Straße gingen, um Klaus Peter Beer zu gedenken, wollten sie sich damit auch dieser Politik des Ignorierens entgegenstellen. Ihr Ziel war es, dass niemals wieder jemand wegsieht! Auch wir als Gewerkschaft schlossen uns der Forderung nach einem würdigen Gedenken an Klaus Peter Beer und einem Ende der Politik des Wegsehens im Umgang mit der rechten Szene in Amberg an. In den kommenden Jahren fanden fast jedes Jahr Demonstrationen oder Kundgebungen statt, um an den Mord von Klaus Peter Beer zu erinnern.

Währenddessen gelang es der rechten Szene in Amberg, ihre Strukturen weiter auszubauen. Mit dem neonazistischen Zusammenschluss „Widerstand Amberg“ der später unter dem Namen „Nationale Sozialisten Amberg“ agierte, hatte sich in Amberg eine Kameradschaft gebildet, die eng in Bayern- und bundesweite Strukturen eingebunden war. So waren die „Nationalen Sozialisten Amberg“ Teil des „Freien Netz Süd“, einem Zusammenschluss neonazistischer Kameradschaften aus ganz Süddeutschland, der im vergangenen Jahr verboten wurde. Ende der 00er Jahre wurde Amberg immer mehr zum Rückzugsort für Vortragsveranstaltungen und Konzerte der süddeutschen Neonaziszene, insbesondere des „Freien Netz Süd“. Vor allem durch die regelmäßig im Amberger Raum stattfindenden neonazistischen Konzerte, aus deren Erlös das „Freie Netz Süd“ unter anderem seine Demonstrationen und Propagandamaterialien finanzierte, leisteten die Amberger Neonazis einen wichtigen Beitrag für die Strukturen des „Freien Netz Süd“.

Im Jahr 2010, anlässlich des 15. Todestages von Klaus Peter Beer, beschloss die ver.di Oberpfalz deshalb, gemeinsam mit anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten, in Amberg ein klares Zeichen zu setzen.

Ein Zeichen gegen Homophobie und Rassismus;

Ein Zeichen gegen Neonazis in Amberg und anderswo;

Ein Zeichen für ein würdevolles Gedenken an Klaus Peter Beer!

Mehr als 300 Menschen folgten dem Aufruf zur damaligen Demonstration.

Nachdem die Forderung, eine Gedenktafel für Klaus Peter Beer am Vilssteg anzubringen, jahrelang ungehört blieb, stifteten wir selbst eine Gedenktafel und brachten sie am Vilssteg an. Schon während der Schweigeminute im Englischen Garten versuchten Neonazis unsere Kundgebung anzugreifen und konnten erst im letzten Moment von der Polizei gestoppt werden. Nur wenige Tage nach der Demonstration wurde die Gedenktafel, vermutlich von Nazis, gewaltsam entfernt. Zurück blieben stattdessen Aufkleber des „Freien Netz Süd“ und der „Nationalen Sozialisten Amberg“.  

Wenn wir zurückblicken sehen wir also:

Das Erinnern an Klaus Peter Beer in Amberg fiel nicht immer leicht, nicht wenigen fiel es schwer, sich  einzugestehen, dass ein grausamer Mord von Neonazis auch in einer Stadt wie Amberg geschehen kann und das auch Amberg nicht frei ist von Menschen mit rassistischen und neonazistischen Gedankengut. Gerade deshalb freut es mich ganz besonders, dass heute Stadträte und andere Mandatsträger hier sind und dass mit Bürgermeisterin Brigitte Netta heute zum ersten Mal eine Vertreterin der Stadt Amberg am Gedenken an Klaus Peter Beer teilnimmt. Und ich hoffe, dass mit dem heutigen Tag eine neue Kultur des Gedenkens an Klaus Peter Beer und der Auseinandersetzungen mit rechtem Gedankengut in Amberg entsteht.  

Gerade in diesen Tagen ist es wichtig an die Opfer neonazistischer Gewalt zu erinnern.

In Tagen, in denen wieder Flüchtlingsunterkünfte brennen.

In Tagen, in denen wieder Neonazis vor Flüchtlingsunterkünften demonstrieren und gegen Ausländer hetzen.

In Tagen, in denen die Menschen die von Diskriminierung und rechten Übergriffen betroffen sind, unsere Solidarität brauchen.

 

Deshalb danke ich allen, die heute hier sind und damit zeigen: Wir werden nie wieder wegsehen, nie wieder vergessen und werden alles tun, damit nie wieder in dieser Stadt und anderswo ein Mensch sein Leben verliert, weil er nicht in das faschistische Weltbild seiner Mörder passt. "

Gedenken an der Vils pr Rosen wurden in die Vils geworfen